Philosophie
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Der Missbrauch des Guruprinzipes
Wenn die Auffassungen des Lehrers über alles gehen, wenn die Schüler ihm jeden Wunsch von den Lippen ablesen, wenn kritische Fragen dem Lehrer gegenüber ausgeschlossen werden oder nicht gerne gesehen werden, und er kein sachliches Feedback erhält, kann es schnell geschehen, dass es um Kontrolle geht, in der Meinung, es sei zu ihrem Besten. In Isolation von der Welt, Gleichgestellten und Freunden, nur umgeben von Personen, die einen für heiliger halten, als man effektiv ist, geschieht eine Inflation des Selbstes, das sich in eigenen Vorstellungen schwelgt.
Die anfängliche Suche nach Selbstverwirklichung ist an dem Punkt für Guru und Schüler zur Selbstentfremdung geworden.
Weisheit wird dann mit unbewusster Machtausübung verwechselt, Liebe wird Belohnungsmittel.
Wenn spirituelle Lehrer ihre Rolle missbrauchen, tun sie das meist nicht aus böser Absicht heraus. Umgeben von Schülerscharen, die ihn für vollkommen halten, glaubt er mit der Zeit selbst an die über ihn verfasste Pressemitteilung und identifiziert sich mit der ihm übertragenen Meisterrolle. So wächst der kollektive Wahn, von Lehrer und Schüler gleichermassen gefördert, jeweils in bester Absicht. Aber in diesem unrealistischen Erwartungsklima kann ein Lehrer leicht über die Stränge schlagen und wie Ikarus plötzlich der Überzeugung sein, ewig aufsteigen zu können.
Unsere patriarchalen Gesellschaftsstrukturen tragen da noch zusätzlich bei. Wir wurden konditioniert, zu Autoritäten aufzublicken und unserem eigenen Körper und dem eigenen Gewissen zu misstrauen. Eigenständiges Denken ist nicht beliebt. Also hat man sich daran gewöhnt, denen zu folgen, die es besser wissen. Viele Gemeinschaften basieren auf dem Wunsch ihrer Mitglieder, in dieser verwirrenden Welt von einer starken Hand zur Wahrheit geführt zu werden, ohne selbst verstehen zu müssen wie.
Idealisierung und Isolation führen zu kollektiver Verdrängung. Das Idealisieren macht blind für die Tatsachen, und die Isolation bedingt, dass einen niemand auf diese aufmerksam macht. Das krankmachende System erhält sich selbst.Manchmal ist der Grad der Verdrängung in spirituellen Gemeinschaften schockierend, insbesondere für jemanden, der von aussen einen unvoreingenommenen Blick auf sie wirft.
Es gibt Verdrängungen bezüglich der sektenähnlichen Züge der Lehre und auch Verdrängungen bezüglich der Blindheit der Anhänger, die zugunsten des spirituellen Systems ihr eigenes Denken aufgegeben haben.
Vom Missbrauch der Lehrerrolle wird in den meisten Traditionen gewarnt. Trotzdem können sich viele Mitglieder kaum vorstellen, dass diese Warnung auf ihre Gemeinschaft zutrifft. So wie Ikarus, der in seiner Flugbegeisterung die Worte seines Vaters vergass. Der Mensch ist kaum weniger zum Selbstbetrug fähig als zum Erwachen. Da die Infragestellung des Lehrers unangenehm ist, und weil sie einen mit dem eigenen Schatten in Verbindung bringt, wird der Missstand lieber verdrängt und weitergemacht wie bisher.
Es gibt oft eine Verwechslung von Charisma und Weisheit. Wer über eine besondere Ausstrahlung verfügt, muss nicht gleich weise sein. Umgekehrt muss Weisheit nicht gleich grosses Aussehen erregen – sie kann sich in einem ganz bescheidenen Leben manifestieren.
"...Der Sufi-Meister Hazrat Inayat Khan lehrte, ...: "Sobald ihr ans Tor Gottes, welches euer Herz ist, anklopfet, so kommt euch die Antwort von dort, und es ist eine Antwort, die viel richtiger ist als jede, die irgendein anderer Mensch zu geben vermag. Niemand kann von unserem eigenen Leben, unseren Angelegenheiten, Zielen und Beweggründen besser unterrichtet sein als wir selbst! Daher kann uns niemand besser raten als wir selbst es können. Die Menschen können dies Geheimnis nicht verstehen und sie werden nach und nach von den Ratschlägen anderer ganz abhängig... Indem sich die Menschen so aufeinander stützen, schließen sie sich von ihrem wahren Berater - von der inneren Führung ab.“ Hier macht sich der Mensch nicht von einem für göttlich gehaltenen Meister abhängig, sondern er horcht auf die Stimme Gottes in seinem eigenen Herzen bzw. Gewissen.
Selbst in der Hindu-Tradition gibt es neben den vielen Stimmen, die bedingungslose Unterordnung unter den Guru fordern, heilige Schriften, die stattdessen eigenständiges vernünftiges Denken lehren: "Sogar das Shastra, das aus rein menschlicher Autorität hervorging, sollte akzeptiert werden, wenn es vernünftig ist. Alles andere (das unvernünftig ist) sollte selbst dann, wenn es das Wort eines Rishi ist, abgelehnt werden von jemandem, der der Vernunft folgt. Dagegen sollte das Wort eines kleinen Jungen angenommen werden, wenn es vernünftig ist. Alles Unvernünftige aber soll zurückgewiesen werden und als so wertlos wie eine Schneide aus Gras betrachtet werden, selbst dann, wenn es der Lotus-Geborene (Brahma) selbst geäußert hat‘ (Yoga-Vasistha 2, 18, 2 - 3, zitiert nach
Sir John Woodroffe, "The Garland of Letters“, S. 288).
Der Sufi-Meister Pir Villayat Khan fordert in Zusammenhang mit seiner Kritik am indischen Guru-Prinzip, man solle stets seinem eigenen Gewissen folgen, auch dem Guru gegenüber. Seine Kritik am Guru-Prinzip betrifft nicht nur den "falschen“ Meister, der fälschlicherweise allwissend zu sein glaubt oder behauptet und seine an ihn glaubenden Schüler in die Irre führt. Sie betrifft sogar den wissenden Guru, der wirklich weiß, was für den Schüler objektiv gesehen gut wäre und der es ihm auch sagt. Denn, so Pir Villayat, wir müssen unsere eigenen Erfahrungen machen und dadurch selbst zur Einsicht dessen gelangen, was richtig ist. Notfalls ist es demnach auch besser, aus eigenen Fehlern zu lernen als in totaler Unterordnung dem objektiv gesehen richtigen Rat oder Befehl eines Gurus zu folgen. Der Guru würde in dem Falle den Schüler der Möglichkeit berauben, das Richtige selbst zu erkennen und dadurch innerlich zu wachsen. Eine ähnlich große Achtung vor der individuellen Freiheit hatte auch R. Steiner ("Philosophie der Freiheit“, Verlag Freies Geistesleben)
Ausschnitt aus einer Wahrheit, die der Mensch schon ewig weiss, aber sich selbst NICHT MEHR GLAUBT. Erst hat "Mann" es jeder Frau verboten - den Zugang zum Heiligtum und zur Schrift, zum Wissen - bis hin zur Aberkennung ihrer Menschenrechte. Nun hat die falsche Wahrheit sich umgekehrt und ALLES steht auf dem Kopf . Die Krankheit des männ-schlichen Geistes hat die meisten angesteckt. "Keiner" kann/darf mehr selber denken und "keine" weiss/kann mehr, wo`s lang geht
Die Guru-Schüler Beziehung muss bestimmte Phasen durchlaufen und wenn speziell die Phase 4 unergangen wird, dann ist die Gefahr von Missbrauch latent-
1. Begegnung und Faszination- die Beziehung zum Lehrer beginnt
2. Der Vorgang des Unterweisens- es ist ein Transfer von Weisheit und Inspiration.
3. Weitung der Perspektive-der Lehrer will den Schüler nicht an sich binden, sondern mit der Wahrheit vertraut machen. Er setzt ihn der Verantwortung aus.
4. Das Loslassen- nun wird der Schüler aus der formellen Stellung des Studenten entlassen und es beginnt eine Intimität der Freundschaft…. Weggefährtschaft.
